„Die letzte Sekunde“

Die „letzte Sekunde“ ist eine Übung, die Schauspielern_innen ermöglicht, sich emotional zu öffnen. Die Übung wird direkt vor dem Auftritt oder dem „Bitte“ ausgeführt. Sie dauert nur wenige Sekunden. Die Übung basiert auf einer formelhaften Vorsatzbildung, auf die der Körper ähnlich dem „Autogenen Training“ konditioniert wird. Um die Wirkung „der letzten Sekunde“ aufzuheben (den Schutz vor emotionaler Verletzung wiederherzustellen), wird nach dem Auftritt oder dem „Danke“ das „Autogene Training“ angewandt.

Für wen ist die Übung:

Die Übung richtet sich an Schauspielern_innen, die ausgebildet sind oder schon arbeiten. Kenntnisse des Method-Acting (Lee Strasberg) sind von Vorteil.

Die letzte Sekunde

Meine Übung basiert auf meinen Erfahrungen, Ausbildungen und Recherchen, die ich für meine Entwicklung als Schauspieler gemacht habe. Ich versuche die Zusammenhänge zu erklären, kann das aber nicht wirklich wissenschaftlich nachweisen. Die Übung funktioniert bei mir, aber ob sie bei anderen funktioniert, weiß ich nicht. Da die Übung auf Erkenntnissen aus „autogenem Training“, „Method acting“ und „Lucid Body“ aufbaut, funktioniert sie wahrscheinlich doch. Weil diese Sachen funktionieren. Und zwar sehr gut.

Mimesis

Mit der Entstehung des bürgerlichen Dramas, in dem die psychologische Innenansicht von Figuren gezeigt wurde, benötigte man Schauspieler/innen, die Gefühle spielen konnten. Es mussten auf der Bühne wirkliche Gefühle hergestellt werden. Um das über das vorhandene Talent hinaus sicherzustellen, wurden bis heute viele Techniken entwickelt.

Gefühle

Was sind eigentlich Gefühle? Der Mensch ist ein Lebewesen, das ursprünglich für sein Überleben in einer feindlichen Umgebung sehr schnell reagieren musste. Diese Reaktionen waren Abwehr von Gefahren durch gewalttätigen Wiederstand oder Flucht. Durch die Zivilisierung und das enge Zusammenleben sind diese Reaktionsweisen auf das von uns wahrgenommene nicht mehr anwendbar und müssen unterdrückt werden. Unser Gehirn produziert ständig die archaischen Reaktion, darf diese aber nicht mehr ausführen. Die Handlungsimpulse sind aber da und fließen in unserem Körper, wo sie teilweise in den Muskeln gespeichert werden. Manche dieser Impulse werden auch in Gefühle wie z.B. Angst und Aggression umgewandelt. Gesellschaftliche Konventionen zwingen uns, diese Gefühle zu unterdrücken. So fließen auch diese Gefühle in unserem Körper. So ist unser Körper ein großer Speicher von unausgelebten Gefühlen und Reaktionen. Bevor Schauspielern_innen neue Gefühle produzieren können, müssen die gespeicherten erst mal raus aus dem Körper. Das kann man mit unterschiedlichen Übungen erreichen.

Jede Schauspiel Theorie / Praxis bietet Verfahren für das entleeren des körperlichen Speichers an. Die meisten dieser Verfahren eignen sich leider nicht für den Augenblick kurz vor dem Auftritt oder dem Beginn einer Filmszene. Hier setzt meine Übung an und heißt deshalb „die letzte Sekunde“.

Der Schutzmantel

Damit wir in der Gesellschaft funktionieren und nicht bei jedem Anlass zusammenbrechen oder eine Aggressionen ausleben, bekommen wir mit der Zeit einen emotionalen Schutzmantel, der uns von dem was wir wahrnehmen schützt. Der Schutzmantel verhindert, dass wir verletzt werden oder andere verletzen. Schauspielern_innen müssen in der Szene verletztbar sein und reagieren können. Der Schutzmantel muss abgelegt werden können. Dieses stellt meine Übung her. Aber für den Moment, in dem wir wieder am normalen Leben teilhaben, brauchen wir den Schutzmantel. Er muss also wieder angelegt werden. Dieses Anlegen des Schutzmantels passiert nach der Szene mit „autogenem Training“. Das ist sehr wichtig.

Keine Abkürzung

Meine Übung ist keine Abkürzung zu psychorealistischem Spiel. Das, was in einer Szene gespielt werden muss, muss vorher erarbeitet werden.

Keine Therapie

Die Übung sollte auch nur von psychisch gesunden Schauspielern_innen durchgeführt werden. Durch das intensive erfahren der eigenen gespeicherten Gefühle, wird die Psyche stark beansprucht.

Fleiß wird belohnt

Das Erlernen der Übung geschieht durch wiederholen der autosuggestiven Phrasen und der damit herbeigeführten Konditionierung unseres Selbst. Je öfter das geschieht, umso schneller wird die Übung abrufbar. Bei mir hat es vier Monate gedauert, bis die Übung voll anwendbar war.

Die Übung sollte einmal am Tag ausführlich gemacht werden. Dadurch wird der Körper und der Geist vorbereitet. Vor der Szene ist die Übung dann in sekundenschnelle wirksam.

Ganz wichtig:

Die Offenheit muss nach dem Spielen wieder aufgehoben werden.

Das geschieht mit:

„Autogenes Training“ von Johannes Heinrich Schultz

https://de.wikipedia.org/wiki/Autogenes_Training

Also:

1. „Die letzte Sekunde“

2. Spielen

3. „Autogenes Training“

Das gilt bei jedem Take oder der Beendigung der Szene oder wenn man von der Bühne abgeht.

Wenn man die Übung und das Autogene Training beherscht, ist es jeweils nur ein Gedanke.

Meditation

Das Arbeiten mit der Übung beansprucht das Gehirn sehr stark. Um mein Gehirn zu erholen, meditiere ich. Es gibt viele verschiedene Formen. Schaut, wählt und meditiert…

Meditation – Wikipedia

 

Mein Übungszettel

Formelhafte Vorsatzbildung emotionale Öffnung 20160521 bereit

Literaturliste

Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst – Konstantin S. Stanislawski

Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle – Konstantin S. Stanislawski

Stanislawski bei der Probe – Wassili Toporkow

Ein Traum der Leidenschaft. – Lee Strasberg

Schauspielen und das Training des Schauspielers. – Lee Strasberg

Truth: Wahrhaftigkeit im Schauspiel. Ein Lehrbuch – Susan Batson

Kleines Handbuch des Schauspielers – Dario Fo

Der unsichtbare Schauspieler – Yoshi Oida und Lorna Marshall

Übungen und Spiele für Schauspieler und Nichtschauspieler – Augusto Boal

Improvistation und Theater – Keith Johnstone

The Art of Acting – Stella Adler

Acting for the Camera – Tony Barr

Respect for Acting – Uta Hagen

Verfall und Ende des öffentlichen Lebens: Die Tyrannei der Intimität – Richard Sennett

Psychologie – Philip G. Zimbardo

Psychologie – Das Gedächtnis des Körpers – Geo eBook

Ein seltsames Wesen – Robert Provine